Vor ein paar Tagen bin ich auf eine sehr beeindruckende Zahl gestoßen: 600.000. Das ist die untere Grenze der Schätzungen für die jedes Jahr in Deutschland weggeworfene Kleidung – eher eine Annäherung, andere Zahlen gehen bis hoch zu einer Million Tonne alter Textilien. Das ist eine Unmenge Stoff.
Wenn die Sachen gespendet wurden, werden sie auch in Teilen (3-4%) in einen hiesigen Second-Hand-Laden wandern – wenn sie „gut genug“ für uns sind, andere Teile kommen der Putzlappen-Industrie oder der Asphaltherstellung zu gute, aber ein großer Rest wird besonders nach Afrika exportiert und schadet der lokalen Textilindustrie ebenso, wie er zur Erosion der kulturell tradierten Kleidungsgewohnheiten beiträgt (siehe dazu auch die Links am Ende des Artikels).
Andere Stoffreste, zum Beispiel das, was Berliner in die „Orange Box“ der BSR werfen, werden in solchen Statistiken gar nicht erfasst.
Das hat mich einmal mehr daran erinnert, weswegen ich das Projekt RenewFabrics ins Leben gerufen habe: Wenn ich mir anschaue, was ich von anderen Schneiderinnen im Rahmen des (derzeit pausierten) „Stoffreste schicken“-Programms erhalten habe, dann fällt mir zuerst auf, wie umfangreich die meisten Einsendungen waren. Und wenn die Päckchen klein waren (die großen enthielten oft viele Menge kleiner und verschnittener Stoffreste), enthielten sie oft Stoffstücke, die sich wie Neuware vom Laden zur Weiterverarbeitung eigneten.
Es ist nicht mein Ziel, rund um den Globus jede einzelne Faser einzusammeln (allein, weil die Lagerung zunehmend herausfordernd wird). Mein Ziel ist es, vor Ort, regional, zu tun, was ich im Rahmen meiner begrenzten Möglichkeiten kann, und dann andere zu überzeugen und hoffentlich auch zu inspirieren, mir nachzueifern. Ihr eigenen Reste weiterzuverwenden (weswegen ich auch bald Workshops machen werde), effizienter zu nähen, ihre Kleidungsstücke zu reparieren (oder nicht nur die eigenen Kleider, sondern auch Änderungsschneidereien am Leben zu erhalten).
Die dahinterliegende Erkenntnis: Die Kleidung, die wir tragen, die Stoffe, die wir verwenden, wurden größtenteils auf eine Art und Weise produziert, welche die Lebensbedingungen Anderer enorm beeinflusst. Dabei kann es um die benötigten Wassermengen bei der Baumwollproduktion [PDF] ebenso gehen wie um die Chemikalien der Züchtung oder Färbung, oder um die Löhne und die Arbeitsbedingungen.
Die Textilproduktion ist extrem global und gewissermaßen unsichtbar uns gegenüber. Was wir tun können, jenseits der Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen und Chemikalien-freier Kleidung und der Unterstützung für Technologie zur Verbesserung der Produktionsbedingungen: Das Beste aus dem zu machen, was wir haben und zu versuchen, unseren Abfall zu minimieren.
Toller Artikel! Habe mich gleich durch die anderen Links gewurschtelt, ist schon der Hammer wie so der Spendengedanke ad absurdum geführt wird.